Die Serien von nebenan

Ein Rausch über Glück und Zeit

Ich spreche mit meinem Garten und mit dem Grün, lobe es, weil es so schön wächst. Weil es mir so guttut. Manchmal gehe ich mitten am Tag einfach hinunter in den Garten, setze mich auf die Gartenbank und schaue hinein – ins Grün. Dann versuche ich nichts zu tun. Ich habe dieses Glück, mir Zeit dafür nehmen zu können, also sollte ich es nicht vergessen. Ich fasse Glück und Zeit an die Hand und sitze mit ihnen auf der Bank.

„Hallo, ach Haaaalllooooo, schönen Tag für Sie. Mensch Sie machen sich das immer schön was. Jaja, früher hatte ich auch so einen Garten.“ Ein alter Mann winkt mir zu, er wohnt gegenüber und schaut immer aus seinem Badfenster heraus. Von da aus winkt und ruft er und sagt stets das Gleiche. Er möchte sich gerne unterhalten, aber ich gehe an ihm vorbei, aus dem hinteren Gartentor hinaus. Ich bin nicht sicher, was ich mit ihm reden soll. Ich rufe: „Es ist so schönes Wetter heute. Ich gehe spazieren.“ Er sei früher auch spaziert. Dann wieder: „Hallooooo. Schöner Garten. Ja, sie machen das richtig.“ Er sagt noch drei oder viermal dasselbe, ich gehe winkend weiter und schäme mich. Hätte ich stehen bleiben sollen, hätte ich mehr mit ihm sprechen müssen? Ich sehe und höre ihn regelmäßig und weiß nicht, wie er heißt und ob ihn jemand regelmäßig besucht. Aber ich schaffe es ja nicht mal meine Freundinnen regelmäßig zu sehen. Wie so oft frage ich mich, wie und wo ich Prioritäten setzen soll.

Von vorne kommt mir die Frau mit dem Ballerina-Hund entgegen. Den nenne ich heimlich so, weil er tippelt wie eine Ballerina und auch das sehr elegant und bedacht. Sein Frauchen ist stets schick gekleidet, wohl geschminkt, immer mit kleinen Absatzschuhen. Manchmal geht auch der Mann mit seinem Ballerina-Hund spazieren. Er ist nicht so schick. Aber ich sehe die beiden nie gemeinsam herumlaufen. Einmal habe ich sie angesprochen, weil mein Mädchen und ich so über das Hundchen schmunzeln mussten. Sie sei schon eine alte Dame und schlecht zu Fuß, deswegen tippelt sie so. Vielleicht war Frauchen auch mal eine Tänzerin?

Manche Nachbarn in unserer Straße sehe ich nie, oder nur spät abends und früh morgens. Sie haben Gärten, die sie nicht nutzen, alles ist verwildert und vertrocknet. Die Terrassen leer. Nie sitzt dort jemand, nie haben sie Besuch. Zwei solcher Häuser gibt es auch bei uns in der Nähe. Ich weiß, dass auch die beiden Nachbarn nicht miteinander reden. Aber warum wohnen sie dann so? Warum haben die einen Garten und ein Reihenhaus, wenn sie keine Menschen mögen? Ein Phänomen, was mich schon seit Jahren umtreibt.

„Wie geht es ihnen heute?“ Ich schaue zur Seite und sehe die nette alte Dame aus dem zweiten Stock winken. Sie hat eine tiefe, rauchige Stimme, kräftig und klar. Ich stelle mir vor, dass sie fantastische Chansons singen kann. „Gut danke und ihnen?“, rufe ich ihr zu. „Jaja es muss“, sagt sie. Ihre Enkel kommen wohl bald zu Besuch. Also ihre Urenkel, sie hat ja so viele. Da sei sie immer aufgeregt, weil fast niemand ihrer Familie noch in Berlin lebt. Ich weiß, dass sie schon bald 90 wird, ihr Mann schon lange verstorben ist und sie sogar noch Rad fährt. „Die hält sich wacker“, werde ich später meinem Mann erzählen. Apropos Fahrrad, an mir fährt ein ganz alter Herr vorbei. Also er rollert vielmehr, er schaut immer sehr grimmig, grüßt nicht. Die Reifen vom Rad sind oft platt und er tritt auch nicht mehr in die Pedale, sondern nutzt sein Fahrrad wie ein Laufrad.

Ich passiere den leeren Garten, immer gepflegt, immer gemäht, immer Rasensprenger an, auch bei Regen, aber die Leute sehe ich nie. Mir kommt ein Pärchen entgegen. Ich finde sie sind sich ähnlich. Eine der beiden föhnt sich jeden Morgen zur selben Zeit die Haare. Das weiß ich, weil es die gleiche Zeit ist, zu der ich aufstehe und das Fenster öffne. Jedes Mal wundere ich mich, wie man sich täglich die Haare föhnen kann. Aber ein Freund erklärte mir kürzlich, er mache das auch. Ich kenne ihn schon lange, nie im Leben hätte ich ihm das zugetraut. Ich grüße das Paar, wir lächeln uns zu, ich möchte noch was sagen, aber sie sind schon vorbei.

Von den Nachbarn links und rechts weiß ich auch ein bisschen was, aber vielmehr nicht. Und ich stelle mir die Frage: Sollten wir nicht mehr wissen von unseren Mitmenschen? Jeden Abend sitzen die Leute vor ihren Fernsehern und schauen sich die Geschichten der anderen an, dabei haben sie doch all das direkt neben sich, aber keiner macht die Augen richtig auf. Müssten wir nicht vielmehr im Hier und Jetzt sein und die Menschen um uns herum besser wahrnehmen? Dann bräuchten wir keine Serien schauen! Alles ist da und das menschelt auch noch.

Von Weitem erkenne ich schon den großen Sohn. Wir nennen ihn so, weil er eben sehr groß ist. Er ist noch jung, vielleicht 17 oder 18, aber ist bestimmt 2,10 m. Mit seiner Mutter habe ich schon ein paarmal geschwatzt. Ich frage sie, ob sie glaubt, dass er mich kennt. Denn manchmal grüßt er und manchmal nicht. Sie erklärte mir, dass viele Leute nicht in seinem Blickfeld sind und er sie gar nicht wahrnimmt, weil er so groß ist. Ich kann aber immer ruhig laut rufen, er freut sich dann. Das machen wir ab sofort und siehe da, seitdem lachen wir uns immer zu, schon von weiter weg. Komisch, dass man als so großer Menschen, wo man doch vermeintlich immer den Überblick hat, auch nicht alles mitbekommt. Vielleicht möchte ich doch nicht größer sein. Mir geht eigentlich keiner durch die Lappen, egal wie groß.

Ich kehre zurück in meinen Garten. Genug Leute geguckt heute, setze mich wieder zwischen Glück und Zeit auf die Bank und frage mich, ob ich mir den einen oder anderen mal auf meine Bank einlade. Am besten am Abend, direkt von der Glotze weg.

Bleibt aufmerksam und vor allem leicht&lebendig,
Helen


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Sophie Schäfer hat für mich den Herrn am Fenster illustriert. Danke für deine Zeit!

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