Tränen hinter der Sonnenbrille
Ein Rausch über die Begegnung mit einem Florentiner Philosophen, einem Lektor aus Hamburg und radikale Entschlossenheit
Es fühlt sich an, als hätte ich ewig keinen Rausch geschrieben. Wie war das nochmal mit dem Anfang? Das ging so:
Ich weiß noch genau, wie …
Als ich …
Und dann …
Anfänge sind schwierig…
In den vergangenen zwei Monaten habe ich so viele Anfänge wie noch nie geschrieben. Ein ganzes Buch für viele Räusche. Geschichten, die durch meinen Stil geprägt sind. Bis zur finalen Idee, wie das aussehen könnte, habe ich viermal angefangen. Vier Ideen, vier Versuche, um mit meinem Verlag zusammen zu kommen. Wir wollten es beide unbedingt. Und irgendwie haben wir es geschafft.
Ich weiß noch genau, wie ich letztes Jahr mit Alva Lück auf der Leipziger Buchmesse war, wir hatten gerade das Projekt Podcast gestartet. Einen Tag lang flanierten wir von früh bis spät über das Messegelände, trafen andere Autorinnen und lernten Verlegerinnen und zahlreiche Buchmenschen kennen. Dreimal bin ich um den Stand dieses einen Verlages rumgeschlichen. Ich hatte die Verlegerin bei einer Lesung kennengelernt, und sie wollte nach der Lektüre der Leseprobe mein ganzes Roman-Manuskript lesen. Aber eine Zusage könne sie nicht machen.
Ja klar, blabla, dachte ich. Sie sagen nie etwas zu. Auch die Agentin, mit der ich davor bereits ein Jahr gearbeitet hatte, konnte nie etwas zusagen. Immer nur, wir probieren es so und nochmal so „Aber versprechen kann ich nichts.“ Das kannte ich schon. Ich war bereit alles zu geben; der Preis war mir egal. Fast war mir sogar ein bisschen egal, was mit meinem Manuskript passieren würde. Ich wollte nur meinen Fuß durch die Tür quetschen. Endlich dort einen Anfang machen. Besagte Verlegerin fand mich toll, ich spürte das. Meine Buch-Idee berührte sie irgendwie, auch wenn ich noch nicht verstand wodurch. Aber würde das reichen? Ich schrieb um, ließ Testleserinnen ran, überarbeitete.
Als ich kürzlich den letzten Satz in meinem Buch geschrieben hatte und mit meinem Lektor beschloss „FERTIG“, da dachte ich wieder an das Gefühl und die Idee vom vergangenen Jahr. Wie ich vom Messegelände fuhr, neben mir Alva, die den Podcast schnitt, den wir eben im Auto aufgenommen hatten. Dunkelheit auf der Autobahn und der ganz heimliche Gedanke, nur der Hauch einer Idee, wie ein Spiel im Kopf: Nächstes Jahr möchte ich als veröffentlichende Autorin nach Leipzig fahren.
Später, an einem anderen Tag: Zwischen zwei Terminen, -ich war mit dem Rad unterwegs-, las ich auf der Toilette eines Cafés die Absage und schluckte schwer am Kloß in meinem Hals. Es war hart, verflucht hart. In mir zog es, Tränensäcke füllten sich. NEIN NEIN NEIN, nicht weinen. Auf dem Rad nach Hause tat ich es dann doch. Erst ganz leise und dann lauter, es hörte mich ja keiner. Tränen hinter der Sonnenbrille.
Und dann dachte ich an Machiavelli. Niccolò Machiavelli. Er lebte von 1469–1527 in Italien. Ein Florentiner Philosoph, der mir im Geschichtsleistungskurs begegnet war. Mir war im Gedächtnis geblieben, dass man sich nicht nur auf das Glück selbst verlassen kann, sondern es auch Tatkraft und Mut braucht. In seinem umstrittenen Werk „Der Fürst“ zeigt Machiavelli eine harte Perspektive darauf, was zu tun ist, wenn man „ganz unten“ ist. Grobe Devise: Kein Selbstmitleid. Stattdessen radikaler Neustart und Entschlossenheit. Ohne Niccolòs Idee von Rücksichtslosigkeit, versteht sich von selbst.
Und ich? Ich saß auf dem Rad, fuhr dem Sonnenuntergang entgegen und schluchzte laut. Definitiv war ich ziemlich weit unten. Gleichzeitig stieg Wut in mir auf,- das kann es doch jetzt nicht gewesen sein! Also hielt ich an und schüttelte mich. Ich zog die Rotznase hoch, und wischte die Tränen weg. Dann holte ich tief Luft.
Hatte ich nicht den ganzen Sommer lang immer mal wieder Kontakt mit diesem Typen von dem anderen Verlag gehabt?
Hatte ich.
Handy raus.
Nachgucken.
Hain&Kladow.
Schreiben.
Zurück aufs Rad.
Telefondate war ausgemacht.
(Neu-) Anfänge sind schwierig, aber machbar. Mein erstes Buch erscheint noch diesen März beim Hamburger Verlag Hain&Kladow.
Bleibt mutig – und leicht &lebendig.
Helen