Falten erzählen Geschichten

Ein Rausch über eine Begegnung, die so nie stattgefunden hat.

Wir treffen uns in einem Café in Kreuzberg. Ich habe einen Platz am Fenster reserviert; ich möchte mit ihr die Menschen beobachten. Möchte sie fragen, ob sie von nur einem Blick darauf schließen kann, ob jemand glücklich, traurig oder auch einfach „nur“ zufrieden ist. Glück ist so ein großes Wort.

Durch das große Fenster kann ich Gabriele sehen. Sie ist schon da. Der Türgriff ist rauh und kalt. Sanfte Musik dringt an meine Ohren, als ich eintrete. Sie sieht mich allerdings nicht, spricht in dem Moment mit der Kellnerin.

Weiße glatte Haare rahmen Gabriele von Arnims Gesicht. Sie enden auf den Schultern. Ob sie früher langes Haar hatte? Blond, rot oder braun? Ich nehme mir vor, sie das zu fragen. Sie trägt eine weite rote Bluse, bunte Ketten im Dekolleté; kleine Perlen. Vielleicht haben die ihre Enkelkinder gefädelt. An einer ebenso bunten Perlenkette baumelt eine Brille. Der breite goldene Ring an ihrem Ringfinger zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie kennt mich nicht; wir sind verabredet – in meiner Fantasie.

Ihr Blick ist aufmerksam als ich an den Tisch trete. „Frau von Arnim?“ Wache Augen schauen mich direkt an. Ein klarer Blick umrahmt von wunderschönen Falten. Dieses Gesicht hat gelebt und erlebt, gelacht und geweint. Ich finde Falten schön, sie erzählen Geschichten. Ich hatte mal ein Fotoshooting, und die Bilder waren wirklich schön. Aber der Fotograf hat hinterher alle meine Falten retuschiert, auf einmal war ich glatt, mein Gesicht wie das einer 20-Jährigen. Nur, dass es nicht ich mit zwanzig war. Ich bat ihn, mir meine Falten zurückzugeben. „Die habe ich mir schließlich schwer erlacht.“ Er verstand und schmunzelte.

Gabriele und ich reichen uns die Hände. Beide kalt. Sie könnte sagen, dass es noch recht frisch ist, obwohl die Frühlingssonne so schön scheint. Auf dem Tisch stehen bereits zwei Tassen. Tee und Café. Genau wie ich trinkt auch sie beides gern zusammen. Ich stelle mich vor, und sie sagt: „Ich habe ihr kleines Buch gelesen. Es hat mir sehr gut gefallen.“ Sie mag den Gedanken, sich vorzustellen, was andere Menschen in denselben Situationen denken.

Während ich das hier schreibe, frage ich mich, was könnte Gabriele denken, wenn sie diesen Text liest?


Im Interview mit der ZEIT wird sie gefragt, was ihr heute schon Freude gemacht hat, und sie antwortet: „Ich habe am Manuskript für mein neues Buch gearbeitet, habe mir Sätze laut vorgelesen, um zu schauen, ob die Melodie stimmt, nach neuen Wörtern gesucht, alles umgeworfen – das liebe ich.“

Ich stimme ihr zu, nicke heftig und freue mich auf heute Abend, wenn ich diesen Text erst mir und dann meinem Mann und meiner Tochter vorlese. Manchmal verändere ich danach noch ganz Passagen und hoffe jedes Mal, dass es bei meinen Lesenden so ankommt, wie ich es mir wünsche.

Ich setzte mich Gabriele gegenüber; wir schauen gemeinsam aus dem Fenster. Eine Frau mit einem Kinderwagen kommt vorbei. „Sieht sie glücklich aus?“, frage ich meine Gesprächspartnerin. Die schüttelt kaum merklich den Kopf, eine Haarsträhne löst sich und fliegt hoch. Gabriele findet den Gesichtsausdruck gehetzt. Zur Heiterkeit gehört es auch, freundlich mit sich selbst zu sein, sagt sie im ZEIT Interview.

„In dem wir durchs Leben hetzen, sind wir nicht sehr freundlich.“ Ich zitiere sie, gebe eine Stelle wieder, die ich mir markiert habe. Gabriele nickt. Zustimmung.

Kaffee und Tee für mich kommen. Wir lächeln uns an. Ich möchte eine kluge Frage stellen, aber stattdessen erzähle ich von meiner Oma. Einfach so, aus dem Nichts heraus. Ich erzähle Gabriele von dem Schlangenring, den meine Oma hinterlassen hat. Ich bin die Enkelin, die ihn trägt; nur mir passt er. Es ist ein Datum eingraviert mit einer Jahreszahl und Initialen dazu. 1851. „Keiner kennt das Geheimnis des Rings.“

Gabriele hat mich durchschaut. „Sie möchten, dass ich ihnen von meinem Ring erzähle?“ Ja, das möchte ich so gerne. Aber sie möchte das nicht. Er sei ein Erbstück und eine Geschichte, die sie nicht bereit wäre zu teilen. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir selber bin, traue ich mich auch nicht, mir eine Geschichte zu ihrem Ring auszudenken.

Wir sind uns einig, dass die kleinen Momente die schönsten sind. „Deswegen mag ich ihr Buch so sehr“, könnte sie sagen. In der ZEIT steht: „Der Fokus auf die kleinen Momente: das Wandern der Wolken, Schneeflocken, ein Schwatz mit der Bäckerin. In der Heiterkeit steckt auch Bemühen.“ Das könnte fast eine Beschreibung des Inhalts meines Buches sein. Aber nur fast, das möchte ich betonen.

Das ich Gabriele von Arnim getroffen habe ist natürlich Unsinn. Diese Idee entstammt meiner Fantasie. Nicht jedoch das Interview über das ich schreibe. Ich finde den Gedanken ganz und gar wunderbar, eine heitere Alte zu werden. Ich dürfte dann sogar manchmal traurig sein: „In der Heiterkeit ist die Melancholie zu Hause, und Traurigkeit ist für mich ein Ausdruck von Lebendigkeit.“ So Gabrieles Worte.

Bald erscheint mein erstes Buch, es ist voll mit dieser Art von lebendigen Momenten.
Helen

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