Anzug, Latex, gelbe Wolle
Ein Rausch über meine Begegnungen mit Mode.
Meine Mama hat für mich einen Glücksbringer gestrickt. Ein Kleidungsstück, das mich wärmt und beschützt. Ein Kleidungsstück, das ich immer drüberziehen kann. Ein Kleidungsstück in gelb, der Farbe meines Buches.
Bekleidung hat in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt. Mode hat mich geprägt, wie es so schön heißt. Aber nicht ich habe diese Leidenschaft, sondern andere Frauen meiner Familie.
Die Geschichte um die kurzen Miniröcke, die meine Mama so gerne erzählt, ist fast ein Teil meiner eigenen DNA. Meine Oma war Schneiderin und hat für die Mädels im Dorf Röcke genäht, Miniröcke. Meine Mama konnte auch nähen. Sie hat die Röcke sogar noch ein Stück kürzer gemacht, heimlich. Unterkante Arschbacke war die Norm.
Vor einiger Zeit haben meine Mama und ich die Ausstellung „Fotografie, Malerei und Mode 1900 bis heute“ in der Berlinischen Galerie besucht. Es war ein Genuss, sie dabei zu beobachten und Ihren Geschichten zu lauschen. Wie sie über Röcke und Kleider sprach. Sie sieht jede Falte, berührt die Stoffe und freut sich über ausgefallene Schnitte. Meine Mama war Schauwerbegestalterin, Dekorateurin, oder wie es heute heißt Gestalterin für visuelles Marketing. Sie liebt es bis heute, Mode in Szene zu setzen.
Als ich ein Teenager war, musste ich oft durchs Wohnzimmer gehen und auf Kommando stehen bleiben. Sie schlich dann um mich herum, guckte, wie ich die Hände halte und meinen Kopf drehte. Für sie war es wichtig, ihre Schaufenster realistisch zu gestalten. Manchmal mussten meine Freundinnen mit mir durch die Wohnung gehen.
Über zwanzig Jahre war sie Dekorateurin bei einer großen schwedischen Modekette. Machten wir Urlaub in anderen Stadt, stand sie oft vor den Schaufenstern und schimpfte. Entweder trugen die Figuren Klamotten, die nicht zusammen passten oder ihre Bewegungen sahen völlig unnatürlich aus. Manchmal freute sie sich auch über schöne Fenster und nahm die Ideen mit nach Hause. Nichts war für Mama allerdings schlimmer, als unnatürlich verdrehte Hände, sagte Mama immer.
Jetzt ist sie schon seit beinahe zehn Jahren Rentnerin und noch immer liebt sie Mode. Noch immer mustert sie jeden. Bevor meine Mama jemanden begrüßt, scannt sie erst die Klamotten der Person. Sie merkt es gar nicht, wie sie einmal hoch und wieder runter schaut. Sie steckt auch Schals und Pullis an die richtige Stelle, damit es „gut“ aussieht. Am liebsten würde sie mit einer Stecknadel alles feststecken, was nicht ordentlich sitzt. Was habe ich als Jugendliche geflucht, wenn sie mich als Schaufensterfigur „benutzte“. Am Anfang wusch sie sogar die Perücken für die Frisuren der Figuren in unserer Badewanne. Für meine Mama war es Kunst.
Heute hängen oft nur noch riesige einheitliche Poster in den Schaufenstern. Da stirbt eine Kunst aus. Dabei ist Kunst betrachten allgemein, aber auch „im Vorbeigehen“ so wichtig, es hält gesund, habe ich kürzlich gelesen. Flanieren und Kunst betrachten; wie schön.
Auch im Theater kann man Kunst betrachten. Mit Mode und Bekleidung drückt man etwas aus. Zeigt, wer man ist und wohin man sich zugehörig fühlt. Manchmal beengt Kleidung, manchmal befreit sie.
Es gab eine Zeit in meinem Leben, da ging ich zu Bewerbungsgesprächen in einem Kostüm, mit Blazer und hohen Schuhen. Ich war wie verkleidet. Mehr als einmal bekam ich den Job, weil ich mich zusätzlich gut verkaufen konnte. Aber schon auf dem Heimweg musste ich mich regelrecht aus den Klamotten befreien.
Im Theaterstück „Hedda“, das ich vergangenes Jahr im der Berliner Ensemble sah, trug die Schauspielerin ein Kleid aus Latex. Wie eine zweite Haut klebte es an ihrem Körper. Ich fühlte all ihre Emotionen, die Enge und den Wunsch auszubrechen. Wir waren zwei im selben Stück.
Diese Bewerbungsgespräche im Kostüm waren die Schlimmsten. Das Wort Kostüm beinhaltet doch schon Verkleidung. Und wenn ich mich für eine Arbeit verkleiden muss, dann kann es doch nicht richtig sein. Jedenfalls nicht für mich.
Eine Freundin liebt es, ihre Verkleidung fürs Büro anzuziehen. Sie schlüpft dann in eine Rolle, möchte nicht, dass andere sie sehen, wie sie zu Hause ist.
Besagte Freundin ist manchmal geschäftlich in Berlin, dann besucht sie mich. Das erste, was sie macht, noch im Flur stehend, ist die „Business Bitch“ abzuschmeißen. Ich liebe diesen Moment.
Und auch wenn es mir manchmal schwerfällt, ich liebe es auch, dass mein Teenie-Girl in weiten Jogginghosen in die Schule geht. Und sich nicht in allerengste Hüfthosen presst, bei denen es entscheidend ist, dass die Hüftknochen sichtbar sind.
Ich habe gelernt, dass es am wichtigsten ist sich in seiner Kleidung wohl zu fühlen. Egal ob Anzug, Latex oder gelbe Wolle – sei du selbst. Der Rest kommt von alleine.
Wer mich bei der Leipziger Buchmesse treffen will, hält am besten Ausschau nach einer Frau in einer gelben Strickweste und einem gelben Buch in Kombination – stets mit einem Lachen. Ich freu mich sooooooo!
Bleibt Leicht und lebendig
Helen