Bis in die Haarspitzen
Ein Rausch über die Nachwehen meiner ersten Buchmesse als Autorin, mein backendes Teenie-Mädchen und spielende Gedanken.
Kaum habe ich das Flugzeug betreten, überfällt mich bleierne Müdigkeit. Ich fliege allein, fliege schon mal vor; Richtung Meer. Zwei Tage verbringe ich alleine in unserem zweiten zu Hause auf der kanarischen Insel. Zwei Tage will ich nur lesen und schlafen und darüber nachdenken, was als nächstes kommt.
Ich quetsche mich auf den mittleren Platz zwischen zwei Fremden. Einer Frau, die erst unablässig auf ihrem Handy spielt und dann beim Lesen eines Krimis schon auf Seite zwei einschläft. Und einem Mann mit Maske, dessen Augen ich nicht lesen kann und dessen Buch „Chinese Life“ ich nicht verstehe. Zwischen diesen zwei Fremden fallen mir die Lider zu, noch bevor das Flugzeug abhebt.
Als ich aufwache, merke ich, wie mir Spucke am Kinn klebt und mein Kopf zur Seite gefallen ist. Der Nacken steif, die Schulter schmerzt. Mein Magen knurrt. Es ist nicht so einfach, eingekeilt zwischen zwei Fremden, an den Rucksack unter dem Vordersitz zu gelangen, ohne dabei jemanden zu berühren. Ich beuge mich hinunter, zerre an meinem Rucksack und richte ihn auf. Ich bin so müde, meine Augen noch immer schwer. Reißverschluss öffnen. Als erstes stopfe ich Jacke und Schal hinein. Beides werde ich die nächsten drei Wochen nicht brauchen.
Dann nach dem Futterbeutel wühlen. Meine Hände tasten im Dunkeln. Aber statt meiner Esstüte erfühle ich etwas Anderes. Ich erkenne es sofort, das kleine Gelbe. Es ist nicht zu Überfühlen. Das ist etwas, was meinen Verlag ausmacht, was ihn auszeichnet. Schöne Bücher für Herz und Hand. Als ich vor vier Jahren beschlossen habe ein Buch zu schreiben, habe ich mir immer gewünscht, es möge sich gut anfühlen. Haptik ist wichtig für mich. Ich streife manchmal durch Buchhandlungen und teste, wie die die Bücher sich anfühlen.
Zwischendurch hatte ich diesen Wunsch komplett aufgegeben. Hauptsache veröffentlichen, dachte ich. Einfach raus jetzt, egal wie. Bis Hain&Kladow und ich zueinander fanden.
Feste Buchdeckel an meinen Fingerspitzen, die Seiten stabil. Mein erstes Buch. Es ist klein. Zwischendurch habe ich mir mal Sorgen gemacht, wollte ich doch immer ein großes Buch. Ich erzählte meiner Freundin Marie davon und sie sagte: „Ich finde es genau richtig. Ich habe manchmal Angst vor großen dicken Büchern. Sie schüchtern mich ein.“ Meines sei genau richtig, für die Tasche. Mutmachgeschichten für jede Situation – immer mit einem Lächeln. Ich halte kurz inne, werfe einen Blick ins Dunkel meines Rucksacks.
Meine GEDANKENSPIELE lachen mich an, sie strahlen. Es ist ein gutes erstes Buch. Genau das, was ich brauchte. Und in Gedanken flüstere ich „danke liebe Liese-Gang.“ Susanne Liesegang ist die Verlegerin. Ihr Mann lektoriert und wählt die Autorinnen aus. Ich bin eine von ihnen. Und verflucht, was bin ich stolz, Teil dieses kleinen feinen Verlages zu sein. Stolz bis in jede Haarspitze, auch die abgebrochenen – und davon habe ich viele.
Aber eigentlich will ich ja essen. Ich springe schon wieder in den Themen. „Themenspringen ist bei Dir doch eine natürliche Lebensfunktion“, sagte meine Freundin Christine kürzlich zu mir. „So wie andere atmen, springst du in den Themen.“
Dann bleibe ich mir mal treu, denke ich und lächele vor mich hin. Die Tüte mit dem Nuss-Schoko-Zopf knistert. Essen. Ich will essen. Mein Kind hat gebacken. Backende Teenager sind eine Wucht! An manchen Tagen kommt sie völlig entnervt von der Schule nach Hause. Mit Wucht schmeißt sie ihre Schultasche in die Ecke und verschwindet Türen knallend in der Küche. Während sie Backzutaten zusammensammelt, scheppert und klirrt es. Sie dreht den Wasserhahn voll auf, flucht, wenn es spritzt. Allmählich wird es leiser. Wenn der Mixer rührt, wird es ruhiger, dann hat sie sich entspannt.
Ich beiße ab, ein bisschen gatschig, aber genau richtig zwischen den Zähnen. Schokolade schmilzt auf meiner Zunge, ich beiße auf ein Stück Nuss. Ich schließe die Augen, genieße. Sie bäckt nur noch vegan, seit sie sich auf der Leipziger Buchmesse ein veganes Backbuch gekauft hat. Es gibt keinen Bereich extra für Backwaren, sie war schon ganz verzweifelt, als sie meinem Lektor das erzählte. Der hatte einen Rat, natürlich.
Am Stand schräg gegenüber, um die Ecke hatte er ein schönes Backbuch gesehen. Die Halle der Unabhängigen ist ein wahrer Geheimtipp auf der Leipziger Buchmesse. Nicht ganz so voll und überall kleine Schätze, mein kleines Gelbes eingeschlossen. Ihre Entscheidung fiel schnell, vor allem als sie das Buch sogar fast um die Hälfte günstiger bekam. „Messepreis“, sagte der freundlicher Verleger und lächelte. Wahrscheinlich wusste er genau, welche Genüsse sich in seinem Buch verbargen.
Für mich war es die erste Messe als Autorin mit einem veröffentlichten Buch. Es war besonders, bis in die Haarspitzen. Drei Tage hatte ich alles gegeben, Smalltalk, Buchtalk, Helen all in. Kaum war ich zu Hause lief es aus mir heraus: Emotionen, Blut und so viel Liebe für die Menschen, die ich getroffen und umarmt habe. Die tatsächlich extra an den Stand des Verlages kamen um sich ein Buch von mir signieren zu lassen. Von mir, ist das zu glauben?! Noch immer fühle ich mich erschlagen und sehr glücklich zugleich.
Mein Kopf ist voller Ideen und Gedanken(spiele). Ich möchte gleich noch ein Buch schreiben und dann den Roman fertig machen. Ich will alles, jetzt gleich.
Der Maskenmann ist eingeschlafen, die Krimi-Leserin ist erneut ins Handyspiel vertieft und mir fallen auch schon wieder die Augen zu.
Bleibt leicht&lebendig
Helen
Noch mehr Messeeindrücke gibt es in in meinem Podcast Klappe&Buch, den ich gemeinsam mit der wunderbaren Alva Lück hoste. Hört rein, überall, wo es Podcasts gibt.