Ich empfange
Ein Rausch über die Gefahren des Alleinseins, den Sonntagsverkehr und … Stopp.
Ein Hauch von Kuss auf meiner Stirn, ein kühler Luftzug, Sonnenstrahlen fallen auf mein Gesicht. Die Gardinen wehen, als die Tür ins Schloss fällt. Ich wache kurz auf. Meine Gedanken: Teenie ist bei einer Übernachtungsparty, der gute Gatte frönt seinem Hobby; ich allein zu Haus. Ich drehe mich noch einmal um und schließe die Augen. Als ich erwache, ist es zehn Uhr. Ich schrecke hoch- und sinke sofort wieder ins Kissen. Lausche den Vögeln und der S-Bahn. Ich denke über meine neue Buch-Idee nach und verspüre sofort Druck aufstehen zu müssen.
Ich befinde mich in einem Alter, das im Allgemeinen als die Rush Hour des Lebens bezeichnet wird. Nie ist genug Zeit für irgendwas: Arbeiten, Kinder, Haushalt, Haus, Garten, Ehe, Beziehung(en), Freundinnen, Hobbys, Selbstverwirklichung. Alles will und soll auf einmal passieren, und …
STOPP
Zurück in mein Bett. Lesen, denke ich. Erstmal möchte ich lesen. Aktuelles Buch neben meinem Bett: Meryem El Mehdati, Supersaurio. Ich mag es. Supersaurio ist die Geschichte einer jungen Frau auf Gran Canaria. Sie schreibt über die Tücken des modernen Lebens und die alltäglichen Prüfungen einer ganzen Generation, die in die Arbeitswelt eintritt. Ich erkenne vieles wieder, lache beim Lesen und freue mich schon darauf, im Herbst wieder auf die Insel zu fliegen. Aber ich habe nicht lange Ruhe. Ich will noch schreiben, meine neue Idee weiterdenken, Notizen im Notizbuch festhalten, in meinem eigenen Bücherregal recherchieren und …
STOPP
Schritt für Schritt. Das hier ist mein Sonntag. Ich bin allein zu Hause. Ich hole meine Yogamatte raus. Wie lange hatte ich keine Zeit mehr für mehr als 15 Minuten? Weiß ich nicht, also suche ich ein Video mit 45 Minuten raus. 45! Sofort werde ich unruhig, aber ich ziehe das jetzt durch. Nach 25 Minuten schaue ich das erste Mal auf die Uhr. Ich habe noch nicht geduscht, keine Haarkur einwirken lassen, nicht gefrühstückt und ich will doch auch noch auf der Terrasse sitzen und …
STOPP
Einatmen. Ausatmen. Hände zur Stirn für klare Gedanken. Matte einrollen, ich stolpere fast, weil ich so hektisch bin. Langsam, ermahne ich mich. Ich habe Zeit. Es ist mein Sonntag. Jetzt Haare ölen, dann heiß duschen. Warum dauert es heute so lange, bis das Wasser heiß wird? Wo ist das Kokosöl? Das Duschbad ist leer. Für ein neues muss ich die Dusche noch einmal verlassen und an den Badschrank; ich friere. Einseifen, schäumen, ausspülen. An meinem Haken ist kein Handtuch. Manno! Ich möchte weinen und …
STOPP
Ich habe Zeit. Ich nehme mir Zeit und trockene mich ganz in Ruhe ab. Voller Achtsamkeit frottiere ich meine Arme und Beine, den Bauch und den Rücken, sogar zwischen den Zehen. Ich nehme mir noch mehr Zeit und creme mich ein. Die neue Bodylotion riecht nach Kokos, na immerhin die. Jetzt aber schnell. Lieblingspulli suchen, Socken, Jogginghose. Die Socken bleiben an der Bodylotion hängen; ich zerre sie über meine Füße. Meine Haare sind verfitzt, weil ich die Haarkur nicht gefunden habe und …
STOPP
Ich verlege das Frühstück direkt nach draußen auf die Terrasse. Dann setze ich mich endlich hin, lausche dem Wind, schlürfe meinen Kaffee und höre Dietmar aus dem Haus kommen. Er geht in seinen Schuppen. Dietmar ist mein Nachbar, ein freundlicher älterer Herr, den ich sehr mag. Sein trockener Humor bereichert jeden Sonntag. Nicht allerdings die Tatsache, dass er jetzt beginnt den Rasen zu mähen. Sofort fühle ich mich unter Druck gesetzt, – ich muss auch den Rasen mähen. Vor mir auf dem Tisch liegt mein schönes neues Projekt-Notizbuch und vier Bücher aus meinem Bücherregal. Ein Blick auf die Uhr, – viel Zeit ist nicht mehr, bis Kind und Mann nach Hause kommen und ich wollte doch noch …
STOPP
Mein Lektor schrieb mir kürzlich: Helen, vertrau auf dich. Du bist erst 40, kannst noch 40 Jahre lange richtig geile Sachen schreiben.
Und ich denke: Ich bin schon 40, es muss doch jetzt mal richtig losgehen.
STOPP
STOPP
STOPP
Vom Surren des Rasenmähers werde ich ganz schläfrig. Meinen letzten Gedanken widme ich der italienischen Künstlerin Isabella Ducrot, die im Interview mit der ZEIT sagte: „Uns Frauen wird heute immer gesagt, wir sollten aktiver sein. Ich mache eine andere Erfahrung: Ich empfange.“
Während ich versuche den Sonntag zu empfangen, fallen mir die Augen zu. Hierüber muss ich dringend einen Rausch schreiben, denke ich noch.
Willkommen in der Rush Hour des Sonntags!
Bleibt leicht&lebendig
Helen
STOPP