Touchin' me, touchin' you

„Ihr seid ja verrückt, sagte ein Verwandter, „dass ihr jetzt nach Amerika fliegt.
„Ihr seid ja verrückt, sagte eine Kollegin, „dass ihr vier Wochen bei Freunden wohnen wollt.„Ihr seid ja verrückt, sagte ein Nachbar, „dass ihr auch noch an den Wochenenden zusammen verreisen wollt.“
„Enjoy every moment, sagte Mrs. Chirney, als sie uns in ihre Arme schloss.

Die Sonne kriecht über den Talcott Mountain, eine Gruppe grauhaariger älterer Herren baut in einem Biergarten Musikinstrumente auf. Große Sonnenbrillen und tief sitzende Cowboyhüte auf ihren Köpfen. Vor mir steht ein Hazy IPA. Feine Schweißperlen fließen mir den Rücken hinunter. In Connecticut ist es heiß Ende Juli.

Ein Sommer in Amerika bei Freunden, die für drei Jahre Expads sind. Entgegen aller Warnungen, auf keinen Fall jetzt in die USA zu fliegen, taten wir es doch. Beantragten Esta, bezahlten, ließen Fingerabdrücke und Augen scannen und nickten den Beamten am Flughafen freundlich zu. „Have Fun!“

In einem Haus für eine Familie wohnen jetzt vier Erwachsenen und drei Kinder. Jeden Tage wachsen wir enger zusammen. Wir könnten auch als Großfamilie durchgehen. Am Ende des Sommers wird es sich genau so anfühlen. Denn wer sagt, dass Familie immer blutsverwandt sein muss? Ein frei gewählter Bund aus Freundschaft galt schon viel früher als verbindlicher und stärker als die rein zufällige Geburt in eine Familie.

Die Menschen in diesem Biergarten lachen ständig. Ich drehe mich nach links. Eine ältere Dame mit einem Kleinkind auf dem Schoß. Kleinkind kichert, Oma strahlt. Schräg dahinter ein mittelaltes Paar in der Schlange, sie boxt ihm in die Seite, er verzieht das Gesicht, sie flüstert ihm etwas ins Ohr. Beide lachen. Geradezu schreit ein Baby, Mami hebt es hoch. Baby quiekt vor vor Freude. Gleich daneben sitzt ein Mann auf dem Boden. Sein Hund hinter ihm auf dem Stuhl leckt Herrchen übers Ohr. Sie sehen sehr zufrieden aus. Kurz frage ich mich was in diesem Bier drin ist, dass alle so furchtbar guter Laune sind. Dann nehme ich einen Schluck. Warmer Wind, erste goldene Blätter. Hier gibt es Indian Summer.

Ich habe mit Vielem gerechnet, aber nicht damit, dass die Menschen alle so nett sind. Ja regelrecht übernett, freundlich, immerzu. Man kann das oberflächlich nennen, von mir aus. Aber wie oft sind denn wir Menschen in Deutschland mit unserem ach so tiefgründigen Gelaber nett? Jaja genau, äußerst selten. Wir gehen Pommes kaufen, ich habe Blickkontakt, werde angelächelt, einfach so – ohne Hintergedanken.

Eine Frau strahlt besonders, lacht über das ganze Gesicht. Ich will mich gerade wegdrehen, da springt sie auf und kommt auf mich zu. Im Schönsten Connecticut Slang erklärt sie, dass sie die Lehrerin eines der Söhne unserer Freunde ist und umarmt mich fest. Ich bin überrascht, entzückt, gerührt. Eine völlig Fremde. Kleiner Smalltalk, unsere Freunde kommen dazu. Alle werden umarmt. Ja ALLE. So richtig, mit Körperkontakt.

Als wir uns verabschieden, erklärt Mrs. Chirney, wie schön sie es findet, dass wir zu Besuch sind. Dass wir vier Wochen zusammen leben und reisen. Sie sagt: „Enjoy every moment!“ Und drückt uns noch einmal an sich. Ich bin auch ein sehr körperlicher Mensch, umarme meine Liebsten gerne und viel. Aber diese Frau hat mich wahrlich übertroffen.

Im Auto zurück nach Hause hören wir unsere Reise-Playlist, die wir vier Wochen lang bei jeder Fahrt hören. Sie beginnt mit Alicia Keys und Empire State of mine – NYC steht auch auf dem Reiseplan – und endet mit Udo Jürgens. Wir grölen mit, die Erwachsenen sowieso, aber auch die Kinder im Alter von 6-14. Ein Song ist besonders berührend, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir fassen uns an die Hände und singen:

Touchin' hands
Reachin' out
Touchin' me, touchin' you
Sweet Caroline
Good times never seemed so good.

Wir umarmen uns viel, morgens nach dem Aufstehen. Zwischendurch, weil uns der Ausblick auf die Freiheitsstatue berührt. Nachmittags, weil der Kaffee so gut schmeckt. Abends, zum Gute Nacht sagen. Erst sind es nur wir Frauen untereinander. Dann beginnen auch die Kinder Arm in Arm zu gehen und sogar die heteronormativen cis* Männerfreunde begegnen sich mit mehr Körperkontakt.

Ich beginne sogar darauf zu bestehen, eine Umarmung mindestens zwanzig Sekunden auszuhalten. Erst dann entsteht die positive Wirkung: der Körper schüttet das Hormon Oxytocin aus, das beruhigt, senkt den Blutdruck und löst Ängste. Wir brauchen alle mehr davon, mehr Körperkontakt zwischen den Menschen ohne Hintergedanken. Mach dich weich, fühle und sei Mensch!

Helen

*Mann, der sich mit dem bei der Geburt erhaltenen männlichen Geschlecht identifiziert und dessen Leben den traditionellen gesellschaftlichen Erwartungen von Männlichkeit und Heterosexualität entspricht. (Quelle: diversity-arts-culture.berlin)

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