Viele kleine Schritte
Ein Rausch über verschlossene Emotionen und freigelegte Organe.
Ich beschließe zu schreiben. Etwas Großes. Eine ganze Geschichte. In meinen Gedanken nenne ich es Roman, weiß aber, es wird eine Erzählung. Der Unterschied ist im Grunde ziemlich eindeutig. Vieles, was wir im Buchhandel erwerben können, sind Erzählungen. Sie sind kürzer und umfassen in der Regel ein Kernereignis, um das sich eine Hauptfigur oder eine Figurengruppe entwickelt.
Ein Roman hingegen ist eine komplexe und sehr umfangreiche Langform der Erzählung. Sie enthält oft mehrere Handlungsstränge und viele Figuren. Die meisten Autorinnen, die ich kenne, schreiben also Erzählungen.
Ich beginne mit meiner dritten Erzählung. In den vergangenen vier Jahren habe ich eine Erzählung fertig gestellt, diese zweimal umgeschrieben, – nichts davon wurde veröffentlicht. Eine weitere habe ich begonnen, aber nach ca. 100 Seiten in meiner Cloud versenkt. Jetzt dieses neue Projekt. Ich möchte vorsichtig damit umgehen, langsam schreiben und mir Zeit nehmen den richtigen Ton zu finden.
Nur dieses Mal gibt es einen entscheidenden Unterschied: Ich bin nicht allein. Begleitet werde ich von einem Lektor. Er hat tatsächlich Freude daran mir dabei zu helfen, die Ideen in meinem Kopf zu sortieren. Und vor allem, sie in eine druckreife Form zu bringen. Ich bin dankbar, stolz und gebe alles. Auch wenn das wirklich nicht immer einfach ist. Ich verlasse meine Wohlfühlzone, mache mich frei und hole Gefühle aus meinem Innern, die ich lange ausgeschlossen habe.
Erst kürzlich habe ich ein Interview mit der Autorin Lea Streisand anlässlich ihres neuen Buches „Berlinerisch. Watt denn, icke?“ gesehen. Im Interview spricht sie über die Unterschiede zwischen Roman- und Sachbuch schreiben.
„Roman schreiben ist was ganz anderes. Da nimmste immer was, wo es am meisten wehtut und packst das hin und filetierst dann dein Herz, deine Organe oder watt du gerade so uff‘,n Tischen liegen hast.“
Und genau das hat mein Herr Lektor sinngemäß auch zu mir gesagt. Das eine Ding, das mich beschäftigt, muss raus,- und zwar so ehrlich wie möglich. Das muss und darf weh tun und ich soll kein Blatt vor den Mund nehmen. Vor allem, wenn man wie ich, das unbedingte Gefühl hat, schreiben zu müssen.
„Bei einem guten Buch gibt es nur ganz oder gar nicht. Alles andere ist Tagebuch.“ (Oliver, hiermit habe ich dich zitiert ;))
Und so sitze ich nun hier und habe meine ganzen alten Tagebucheinträge herausgekramt. Manches sind einfach nur lose Zettelsammlungen, weil ich nicht immer wusste, wohin mit meinen ganzen Emotionen. Diese Erzählung zu schreiben, wird mir Einiges abverlangen. Ich möchte, dass meine Lesenden fühlen, was meine Hauptfigur fühlt.
Es gibt Tage, da finden mich meine Sätze von ganz alleine. Es gibt diese Auslöser für bestimmte Gefühle. Ein Beispiel: Mein Lektor stellt eine Vermutung an. Ganz nebenbei, so eine Mutmaßung von hinten durch die Mitte. Er glaubt, ich würde Gefühle oder Emotionen zurückhalten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ihm bereits zwei Varianten meiner ersten Szene geschickt. Er schreibt, ich würde ausweichen, und wenn es für die Lesenden spannend würde, kompensierte ich das mit nichtssagenden Adjektiven.
Ich war erst wütend, dann empört und zum Schluss traurig. Ich antwortete nicht, schmollte und grollte ein bisschen, radelte sehr schnell auf dem Fahrrad. Die ersten Emotionen wichen einer Erkenntnis, er hatte recht. Scheiße, dachte ich. Aber das will doch keiner hören, wen interessiert denn, wie es sich angefühlt hat?
Mitten auf einer Kreuzung flog mir ein erster Satz zu, beinahe hielt ich an. Dann der zweite. Ich dachte, ich merke mir alles, bis ich bei meinem Termin ankomme. Aber nix da, ich musste anhalten, alles aufschreiben und kam zu spät.
Abends tippte ich alles in ein Dokument und verschickte es. Zurück kamen viele Bemerkungen und Hinweise, aber auch das hier:
„Toller Einstieg“
„Gefällt mir gut“
„Klasse“
„Tolles Show “
Für alle Schreibenden unter den Lesenden hier, ihr wisst, was es bedeutet, solche Kommentare am Rand zu haben. Der dritte Entwurf vom Anfang meiner Erzählung war also der erste brauchbare.
In vielen kleinen Schritten entsteht etwas Großes – am besten leicht&lebendig!
Helen