Wankelmut
Die Jugendlichen aus einem meiner Schreibkurse haben mich gefragt, wie es mir geht: Ich bin aktuell sehr wankelmütig und nerve mich selbst. In einem Moment halte ich mich für eine richtig gute Autorin, und keiner kann mir rein reden. Im nächsten Moment bin ich mir sehr sicher, dass meine Wort-Räusche überhaupt niemanden interessieren und falls doch, dann nur Menschen, die mich sowieso (aus lauter Sympathie) mögen.
Dieses Hin und Her wechselt manchmal minütlich und begleitet mich schon lange. Ich habe meinen Kursteilnehmerinnen erklärt, wie anstrengend ich mich in solchen Momenten selber finde. Sie haben sich über meine Ehrlichkeit gefreut, und ich habe zugegeben dass ich mich wirklich frage, ob diese Zweifel irgendwann aufhören. Wirklich ey, ich bin 41 Jahre alt.
An diesem Kurs nehmen Kinder und Jugendliche im Alter von 13 bis 18 teil. Sie sind sehr unterschiedlich. Aber zwei Sachen einen sie: Die Fantasie – und die Therapie. Mir scheint, ab einem Alter von ungefähr 14 Jahren gehen die ersten Mädchen in Therapie. Sie schaffen es nicht den Anforderungen der Welt gerecht zu werden. Sie schaffen die Noten nicht, die sie brauchen um ihre Träume zu leben, und sie befürchten zu scheitern. An fehlender Leistung, an zu viel Arbeit, an ihren eigenen Erwartungen und denen der anderen. Manche schalten auf Konfrontation, legen sich mit Lehrkräften an, diskutieren um mehr oder weniger faire Notenverteilung. Andere ziehen sich zurück, tauchen ab in digitale Welten, in Videospiele, in soziale Medienkanäle.
Michael Kröger ist Lehrer an einer Hamburger Stadtteilschule, er sagte in seiner Abirede zu seinen Schülerinnen: „Jagt eure Träume, macht sie wahr!“ Mit den Jugendlichen aus meinem Kurs habe ich über ihre Träume gesprochen, im Allgemeinen und im Speziellen. Sie reichen über Reisen und gesund bleiben, bis hin zu großen Studienzielen, Hausbau und Familiengründung. Aber viele von ihnen sagen auch, sie würden es sowieso nicht schaffen.
Sarah Schäfer arbeitet als Professorin für Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Technischen Universität Kaiserslautern-Landau. Sie sagt in der Zeit:
„Mädchen berichten im Durchschnitt öfter von hohem Leistungsdruck und sind häufiger perfektionistisch. Sie neigen eher dazu, Belastungen mit sich selbst auszumachen und zu grübeln. Gleichzeitig sind schulische Leistungen für ihren Selbstwert häufiger besonders wichtig. Das liegt an Genderrollen und ihrer Sozialisation.“
Mir erklärte kürzlich jemand, dass mein Wankelmut auch an meinem Sender-Empfangin-Modell liegt und dass mich das beim Schreiben bremst. Darüber musste ich erstmal nachdenken. Und was soll ich sagen, außer, ja stimmt. Aber mal ehrlich, was lernen wir denn jahrelang, erst in der Schule und später im Berufsleben? Wie soll ich das denn einfach abschalten? Ich lechze ständig nach Bestätigung von außen, nach irgendeiner Art von positiver Bewertung. Da hilft auch die romantische Vorstellung von „ich kann nicht anders, ich muss schreiben“ nicht. Ja natürlich ist das so, und dennoch giert die Empfängerin in mir nach Verbindung mit anderen.
Es ist mir unangenehm, das hier zuzugeben. Aber WAS anderes habe ich nicht gelernt. Mir hat niemand beigebracht, wie Selbstwert unabhängig von Leistung funktioniert. Nur wenn ich etwas leiste, werde ich belohnt. Mit Geld, mit Anerkennung, mit Wohlwollen. Ich erhalte nicht viel Lohn und auch keine besondere Anerkennung für meine Texte, also wie soll ich mich gut finden?
Ein Kind brauche Anerkennung und Wertschätzung nicht nur dann, wenn es etwas besonders gut gemacht hat, sagt die Therapeutin. Tja, das gibt es weder in der Schule noch im wahren Leben. Ich habe kürzlich mit meiner Tochter mein Zeugnis aus der neunten Klasse angeschaut, denn sie geht gerade selber in der neunte Klasse. Es war eines meiner schlechtesten Zeugnisse, geradezu unterirdisch. Der absolute Tiefpunkt. Erst in der elften wurde ich ich langsam wieder besser.
Mein Kind sagte: „Mama, du hast dich so krass wieder hochgekämpft. Was für eine Leistung.“ Ich musste fast weinen, hat damals nie jemand zu mir gesagt. Aber ich will nicht jammern, stattdessen übe ich jetzt: Ich kann das, meine Texte sind gut. Ich kann das, meine Texte sind gut. Ich kann das, meine Texte sind gut.
Wenn du bis hierhin gelesen hast: Danke! Ich erkenne das an und wertschätze dein Lesen.
Helen
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PS: Ich will diesen Text am liebsten sofort wieder löschen.
PPS: Kann mir bitte jemand bestätigen, wie gut das hier nicht ist? Am liebsten leicht&lebendig