Das rote Rathaus
Mit einer rosaroten Brille war ich im Jahr 2000 das erste Mal bei der Loveparade. Angefüllt mit Leichtigkeit und Dr. Motte im Ohr schwebte ich durch Berlin. Alles erlebte ich rausch-artig. Meine Welt bestand aus bunten Kleidungsstücken, harten Bässen und meinen Freundinnen.
Vergangenes Wochenende wurde in Berlin Geschichte geschrieben, heißt es. Das erste Mal seit der Wiedervereinigung hat eine linke Partei die Chance, eine Bürgermeisterin zu stellen. Elif Eralp will ins rote Rathaus.
Als kleines Mädchen habe ich das mit dem roten Haus nicht verstanden. Ich bin in der DDR geboren, ich dachte es ist rot, weil die Farbe des Sozialismus rot ist. Als dann ein schwarzer CDU-Bürgermeister dort „wohnte“, war ich vollends verwirrt. Erst viel später verstand ich, dass das Berliner Rathaus aus roten Klinker- und Ziegelsteinen gebaut ist und deswegen so heißt.
Jetzt möchte eine (linke) pinke Bürgermeisterin dort regieren und ich muss unweigerlich an meine rosa Sonnenbrille denken. Nun wird meine Welt durch diese Brille nicht plötzlich wieder rausch-artig, aber bei aller Skepsis und Kritik möchte ich dennoch sagen: Ich bin gespannt auf das, was kommt. Auf die mögliche Koalition und auf die neuen Menschen im Rathaus. Vor allem aber auf die Alten und die Jungen, die in diesen Ausnahmezeiten vielleicht endlich ein bisschen mehr aufeinander zugehen.
Vor zwei Wochen habe ich aus meinem Buch GEDANKENSPIELE gelesen. In einem Garten, hier bei mir in der Nachbarschaft. Es kamen erstaunlich viele Menschen. Manche habe ich zum ersten Mal gesehen. Einige waren viel älter, fast 90, Herr Meyer zum Beispiel. Er kam mit Hut und Weste, hatte sich richtig schick gemacht.
Später sagte eine Freundin: „Alte Schule eben. Für’s Theater macht man(n) sich eben fein.“ Andere kamen gemütlich gekleidet, als hätten sie einfach nur den Sessel gewechselt. Einige ältere Damen wollten direkt den Club der alten Witwen gründen. Manche junge Eltern flitzen zwischendurch ihren Kleinkindern hinterher und andere kamen gerannt, gerade so nach der Arbeit geschafft.
Sie alle hätten unterschiedlicher nicht sein können: Alter, Herkunft, Aussehen, politische Gesinnung. Aber eines einte sie, die Freude an Gemeinschaft.
Eine der Organisatorinnen schrieb mir vorab: „Ich muss tatsächlich bei vielen der Texte auch an die aktuelle politische Situation denken, da du die so wertvollen zwischenmenschlichen Begegnungen thematisierst. Und gerade die fehlen so im Moment.“
Ich las auch den Rausch der vergangenen Woche, in dem ich zu mehr Körperkontakt aufrufe. Mindestens 20 Sekunden umarmen schrieb ich, und am Ende drückten mich sogar einige der Älteren sehr fest. Und sogar diejenigen, die die meiste Zeit sehr grimmig geschaut haben.
Dieses Phänomen heißt übrigens „Resting Bitch Face“ und beschreibt laut Wikipedia einen neutralen Gesichtsausdruck, der auf andere Menschen ungewollt wütend, genervt oder abweisend wirkt, obwohl die betroffene Person völlig entspannt ist. Es wurden Bücher gekauft, mir wurden Scheine zugesteckt und ich wurde mehrfach 20 Sekunden gedrückt.
Jetzt träume ich von noch mehr Lesungen und noch mehr Menschen, die im Anschluss voller Leichtigkeit mit Fremden reden und sich mehr solcher Abende fernab der eigenen vier Wände wünschen. Ich bin da. Schreibt mir!
Der amerikanische Fotograf Jamel Shabazz ist fest davon überzeugt, dass wir diese Welt nur durch die Kunstgemeinschaft verbessern können.
Recht hat er, finde ich und setze ich meine rosa Brille wieder auf. Finden wir Gemeinschaft und geben dem Guten ein bisschen mehr Gewicht, das macht leicht und lebendig – auch mit Blick auf das rote Rathaus.
Helen
Höre doch gerne mal in meine aktuelle Podcast Folge rein. Ich erzähle von meiner Lesung und Alva Lück und ich sprechen darüber, warum Träumen und Lesen so wichtig sind.